CHORMUSIK / Damit kann auch der Unfrömmste in Frieden leben: Die Gospelszene boomt
Seit dem Kinofilm „Sister Act“ groovt es überall. Kein Wunder: Wer den Herrn singend preist, fühlt sich besser. Steckt immer Gotteslob drin, wo Gospel draufsteht? ...
Inbrunst: Der Berliner Soulchor setzt auf machtvollen Sound
Foto: Raimund Müller
Autor: EVA APRAKU
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Es gibt Wege, die gehen auch Männer im Dunkeln nicht gerne allein. Etwa wenn die Strecke über einen ausgestorbenen Bahnhof führt, sich unter einer menschenleeren Brücke hinzieht und danach einen weitläufigen, einsamen Park kreuzt. Doch es hilft nichts. Wer an diesem Abend den Berliner Soulchor hören möchte, aber kein Auto hat, muss den schaurigen Weg zwischen der S-Bahnstation Wuhlheide und dem FEZ-Palast irgendwie hinter sich bringen. Sehr oft konnte der Berliner Soulchor, der bis auf seinen Leiter und die Begleitband ausschließlich aus Amateuren besteht, in seiner knapp zweijährigen Existenz noch nicht auftreten. Wo bringt man schon rund 80 Sänger und Sängerinnen nebst sechs Instrumentalisten unter? Entsprechend aufgeregt wuseln die Chormitglieder – Studenten, Schüler, Unternehmer, Angestellte und Arbeitslose im Alter zwischen 16 und 60 – auf der zum Zuschauerraum tief nach unten abfallenden Theaterbühne herum. Manche besprechen sich noch schnell mit Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen, die als Besucher gekommen sind. Andere scharren schon nervös auf ihrem Platz auf der Chortreppe. Allein Stephan Zebe, er studierte Kirchenmusik und ist Leiter des Chores, leuchtet deutlich aus der unübersichtlich-bewegten Menschenschar hervor. Gänzlich in Weiß gekleidet, mit herausstehender Halbglatze und einem strahlenden Zahnpasta-Lächeln, wirkt der auffallend schlanke und große 36-Jährige wie ein Guru unter seinen Jüngern. Zumal diese für einen einheitlichen Look alle in Kleidungsstücken mit ähnlichen Farben erschienen sind. Es dominieren Rot- und Orangetöne, die Farben der einstigen Bhagwan-Sekte. Dann endlich gibt der „Guru“ sein Zeichen. Die Sänger ordnen sich eilig nach ihren Stimmlagen auf dem Podest. Der Schlagzeuger, der Pianist, der Bassist und die drei Bläser begeben sich zu ihren Instrumenten. Und auch das Publikum drängt zu den Sitzplätzen. Zwei Drittel der Zuschauerreihen sind jetzt besetzt. Erwartungsvolle Stille tritt ein. Und mündet in leise Begrüßungsrufe aus der Reihe vorne links, als eine kleine, etwas pummelige junge Frau an den Bühnenrand tritt: „Hey, Stephanie!“. Hey-Stephanie lächelt zwar zart und sichtlich geschmeichelt. Ihren Bekannten war offenbar der Weg zum FEZ-Palast nicht zu weit. Trotzdem lässt sie sich nicht von dem aufhalten, weswegen sie heute hier ist. Das Mikrofon nah am Mund, biegt sie sich geübt nach hinten und hebt mit hoher, unerwartet kräftiger Stimme an: „The thrill is gone“ – ein Song der Blueslegende B. B. King, neu arrangiert für die große Bühne. „The thrill is gone away, the thrill is gone, baby“, donnert der Chor als Antwort in den Saal. Rhythmisch schwingen die Sänger und Sängerinnen vom rechten auf den linken Fuß und wieder zurück. Wie eine Welle schwappt es nach vorne und hinten: „You know you’ve done me wrong, baby. And you’ll be sorry someday“„ Als B. B. King das Stück 1970 herausbrachte, besang er den Abschied von einer Partnerin, deren Reiz für ihn erloschen war. Heute jedoch sollte George W. Bush, Präsident der Vereinigten Staaten, mal genauer hinhören. „Sooo sensationell, lieber George W. Bush“ – das kann, wer will, jetzt auch aus dem Liedtext heraushören –, „sind die USA nun wirklich nicht mehr: The thrill is gone“, ebbt der Chor schließlich ab. Wer sich auf einen düsteren Politabend gefasst macht, liegt falsch. „Wir wollen für euch Hoffnungssongs in trüben Zeiten bringen“, strahlt Stephan Zebe das Publikum an. „Joy To The World“, eigentlich ein Weihnachtslied, das die Ankunft des „Lord“ beschwört, ist das nächste Stück. Wer will, kann es wieder aktuell interpretieren: „Sing joy, joy, joy, peace, love and joy“ – die Sehnsucht nach Freude, Friede und Liebe gehört zum Grundtenor des jetzt vielstimmig durch den Saal erschallenden Liedes. Mit hoher und heller Stimme setzen vier Leadsängerinnen zu „Ooh Child“ an, einem mehr als 30 Jahre alten Hit der US-Soulband „Five Stairsteps“. Eltern, die sich an das Lied in seiner ursprünglichen Fassung erinnern und die heute ihrem herangewachsenen Nachwuchs zuschauen, sind überrascht. Die Wucht der 80 Stimmen, unterbrochen nur vom klaren Sopran-„Yeah-yeah“ der Leadsängerinnen, verleiht dem Song eine neue, ausdrucksstärkere Dimension. Unter manchem T-Shirt bildet sich eine Gänsehaut. Sogar Tränen werden hier und da verstohlen weggewischt. Es ist dieser machtvolle Sound, gepaart mit dem rhythmisch-melodischen Schmelz der Lieder nebst den ergreifenden, englischen Texten, die seit ein paar Jahren zu einer boomartigen Verbreitung von Gospelchören in der Bundesrepublik geführt haben. Das Berlin-Gospel-Web, eine spezielle Internet-Plattform, verzeichnet derzeit 36 Gospelchöre allein in der Hauptstadt. Bundesweit sind es, so Reinhold Uhl, ein ausgewiesener Kenner der deutschen Gospelszene, „mindestens 500 Chöre“. Sogar eine eigene Gospelzeitschrift erscheint seit Herbst 2002. Dabei ist Gospel in Deutschland kein neues Phänomen. Bereits in den sechziger Jahren, als berühmte afroamerikanische Gospelchöre wie das Golden Gate Quartet oder die Stars of Faith begannen, durch Europa zu touren, bildeten sich hier und da die ersten ansässigen Gesangsgruppen und adaptierten die Songs ihrer Vorbilder. Doch zum echten Renner wurde das afroamerikanische Liedgut erst seit Mitte der neunziger Jahre. Kino-Blockbuster wie „Sister Act“ (mit Whoopi Goldberg) oder „The Preacher’s Wife“ (mit Whitney Houston), in denen Gospelchöre eine tragende Rolle spielen, beförderten den Trend genauso wie die seit Beginn der neunziger Jahre international dominierende black music mit ihrem Dauerbrenner Soul, einem Stil, der in direkter Linie vom Gospel abstammt. Dabei handelt es sich beim nächsten Stück, das der Berlin Soulchor nun anstimmt, weder um Gospel noch um Soul. Ines, eine füllige Frau Ende dreißig mit modisch rot getönter Hochsteckfrisur, tritt aus dem Chor heraus in den Vordergrund. Fast gierig ergreift sie das Mikrofon. Und beginnt schon loszuröhren: „Try to see it my way-y-y“ – versuch’s mal so wie ich zu sehen. „We can work it out, we can work it out“ – wir werden uns schon einigen können –, antwortet der Chor emphatisch. Auf dem Programm steht jetzt ein abgewandelter Song der Beatles. SStreng genommen ist der Berliner Soulchor gar kein richtiger Gospelchor. Schließlich ist Gospel – dem Theologen und Musikjournalisten Teddy Doering zufolge wird der Begriff mit „die gute Nachricht“ übersetzt – afroamerikanische Kirchenmusik, die stets Jesus, „the Lord“ (den Herrn) oder den „Savior“ (Erlöser) preist. Doch weil zwischen Gospel, den alten Spirituals (geistlichen Liedern) aus der Sklavenzeit und Soul die Grenzen fließend sind, nehmen es in Deutschland viele Chöre nicht so genau. Wie der Berliner Soulchor interpretieren sie neben traditionellen Gospel- auch zahlreiche Soul- und Popsongs. Sie stimmen, wie die Voices Unlimited aus dem hessischen Neu-Anspach bei Frankfurt, zusätzlich Musical- und Swing-Stücke an. Oder erweitern ihr Repertoire um Weltmusik. Der Düsseldorfer Gospelchor Darktown Singers etwa hat auch Klezmer in seinem Programm. Doch so unterschiedlich Gospel in den einzelnen Chören auch verstanden wird, eines ist allen gemeinsam: Ihre Lieder beschwören den friedlichen Weg. Loben christlich-orientierte Gospelchöre mit weltbekannten Song-Klassikern wie „Amazing Grace“, „Go Down Moses“ oder „Oh Happy Day“ ausdrücklich Gottes Größe, Weitsicht und die Aussicht auf Erlösung, so beschwören die eher weltlichen Gruppen in ihren Liedern die Kraft der Zuversicht und Liebe. „Love is the message and the message is love“ – die Botschaft heißt Liebe – tremoliert im FEZ-Palast jetzt voller Inbrunst Birgit, eine junge Frau mit burschikoser Kurzhaarfrisur. Das Stück stammt von Al Green, einem amerikanischen Soulstar, der wie viele seiner Kollegen als Jugendlicher in Gospelmessen erstmals vor Publikum auftrat. „Singen ist eine der natürlichsten Ausdrucksformen des Menschen überhaupt“, sagte kürzlich Thomas Quasthoff, international anerkannter deutscher Konzertsänger und Grammy-Gewinner, in einem Interview. Und Singen vor Publikum dem Menschen offenbar ein größeres Bedürfnis, als man in der Bundesrepublik bislang dachte, möchte man angesichts des mit rund 10 000 Teilnehmern überaus erfolgreichen Wettbewerbs „Deutschland sucht den Superstar“ ergänzen. Was fehlte, waren offensichtlich nur die passenden Gelegenheiten. Der Gesangsverein von früher und auch der klassische Kirchenchor werden gerade von der jüngeren Generation nicht mehr akzeptiert. Dass die in Deutschland „vorwiegend aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammende Kirchenmusik ergänzungsbedürftig“ sei, gibt denn auch Thies Gundlach, Oberkirchenrat in der Evangelischen Kirche Deutschland, zu. Gospelchöre dagegen, das merken immer mehr Freizeitsänger, bieten nicht nur ein musikalisch angesagtes Repertoire, sondern auch jedem seine Chance. Die weniger Begabten geben einfachen Refrains zusätzliches Volumen. Die Stimmgewaltigen treten mit Soli in den Vordergrund. Beate, die nächste Solistin im FEZ-Palast, hätte vor rund zwei Jahren nicht im Traum daran gedacht, sich vor Publikum mit ihrem Gesang zu präsentieren. Nun aber ist sie mit ganzer Leidenschaft dabei. „Since ,The Man Upstairs‘ has given me this voice . . . I’ve gotta use it or loose it“ – da mir der Mann da oben nun mal diese Stimme gegeben hat . . . muss ich sie nutzen oder werde sie verlieren – trägt sie hingebungsvoll vor. Das Lied „I’ve Got To Sing My Song“, ursprünglich von der Soulsängerin Oleta Adams, erzählt auch die Geschichte der 35-jährigen Caféhaus-Bedienung: Beate musste 33 Jahre alt werden, bis sie sich traute, mit ihrem Hobby Singen erst in einen Chor und dann an die Öffentlichkeit zu gehen. Noch sind es vor allem Zufälle und Mundpropaganda, die der Gospel-Bewegung neue Mitglieder zuführt. Beate ist über ein Flugblatt, dass im Kino auslag, zum Berliner Soulchor gestoßen. Andere Gospelchöre werden in Schulen und an Universitäten gegründet oder finden sich über Kleinanzeigen etwa in Stadtmagazinen zusammen. Doch auch die Kirchen der beiden großen Konfessionen wurden inzwischen vom Gospelvirus infiziert. Wo sich in den Gemeinden nicht selbst eigene Chöre zusammentun, gehen bereits bestehende, oft eher weltlich orientierte Gospelgruppen bei der Suche nach Probe- und Auftrittsmöglichkeiten gezielt auf Pfarreien zu. Diese empfangen die Gospelchöre in der Regel mit offenen Armen – der Gospeltrend spült ihnen eine ganz neue, oft recht junge Klientel in die Kirchen. „Anfangs“, so Mario Gugeler, 25 Jahre alt und verantwortlich für die Internetseiten des Berlin-Gospel-Web, „gehen die meisten Leute nur wegen der mitreißenden Musik in Gospelchöre.“ Da auf Englisch gesungen wird, stehen für Neulinge die religiösen Textinhalte eher im Hintergrund. Erst nach vielen Proben und dem Intonieren der Texte mit dem viel beschworenen, intensiven Gospelfeeling, setzt ein Denkprozess ein: Was bedeutet mir „The Man Up-stairs“, der Mann da oben, eigentlich und in welcher Beziehung stehe ich zum „heaven“, dem Himmel? Für Beate hat sich seit ihrem Engagement im Berliner Soulchor viel verändert. Sie sieht in Gott nicht mehr, wie sie es in ihrer Kindheit gelernt hat, einen strafenden, alten Mann, mit dem sie lieber nichts zu tun haben möchte. Gott verkörpert für sie jetzt Liebe und Zuflucht. Ines hingegen, die Solistin mit der wuchtigen Stimme und im „normalen“ Leben eine Sekretärin, ist bis heute ausdrücklich „nicht spirituell angehaucht“. Mit der besungenen Sehnsucht nach Liebe und Frieden jedoch kann sie sich „voll identifizieren“. Andere Chorsänger, so Mario Gugeler, finden über Gospel erstmals zum christlichen Glauben. Für puristische Chöre ist Gospelsingen ohne religiösen Background sowieso unmöglich. Der Chor Sounds of Joy aus Berlin-Tempelhof etwa beginnt jede seiner Proben mit einem gemeinsamen Gebet. Im Theatersaal des FEZ-Palastes hat die Musik inzwischen ihre Wirkung getan. Schwang der Chor anfangs noch in einstudierten, gospeltypischen Schritten rhythmisch hin und her, so haben sich jetzt immer mehr Sänger von dieser Bewegungsvorgabe befreit und geben ihrer Begeisterung individuell Ausdruck. Da ist die lachende Schöne, die ihre Hüften scheinbar nicht mehr unter Kontrolle hat. Und hier der bärtige Schlipsträger, der jeden Ton mit dramatischer Gestik unterstreicht. Zwei Sängerinnen in der ersten Chorreihe blinzeln sich verschwörerisch zu und feuern sich gegenseitig beim Klatschen an. Stephan Zebe, der Chorleiter, hat sich dem Publikum zugewandt. Mit wedelnden Händen animiert er die Zuschauer, nun ebenfalls die Hemmungen fallen zu lassen: Klatschen, singen, tanzen. Eben „Dancing In The Street“ – auf der Straße tanzen. Das Stück, das in den Sechzigern Martha Reeves and the Vandellas berühmt machte und das der Berliner Soulchor jetzt mit Macht intoniert, ist für Stephan Zebe mehr als nur ein Aufruf zum Amüsement: „This is an invitation, across the nation, a chance for the folks to meet“ – trefft euch, Leute, tut euch zusammen: Hier ist er wieder, der versteckte Aufruf zum Widerstand. Mehr Agitation aber will Zebe seinem Publikum nicht zumuten. Der Sohn eines Pastors mag anderen nicht vorschreiben, was sie denken oder glauben sollen. Mit dem Earth-Wind-and-Fire-Stück „Sing A Song“ werden die Zuschauer schließlich aus dem Konzert entlassen: „Sing-a-song, sing-a-song, sing-a-song!“ – „Sing ein Lied“, heißt es darin, „wenn’s dir schlecht geht. Sing ein Lied, wenn du dich ausgebrannt fühlst. Sing ein Lied, und ein Weg wird sich finden. Sing ein Lied, und dein Tag ist gerettet.“ Noch einmal versammelt der Chor seine ganze Kraft: „Sing-a-so-ho-nnnng“ hallt es durch den Saal. Dann geht das Licht an. Der Alltag mitsamt dunklem Heimweg hat die Zuschauer wieder. Die Zeitschrift „gospel“ erscheint alle zwei Monate im Luther-Verlag, Cantsteinstra- ße 1, 33647 Bielefeld, Vertriebstelefon: 0521/944 01 37. Externe Links: www.gospel-shop.de, www.gospel.de, www.gospel-de.de, www.berlin-gospel-web.de
Anmerkung: Guter, spannend geschriebener Artikel zu einem kontroversen Thema.
noch unkommentiert... 
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