Fakt & Diskussion

Das Geheimnis des Gospels (von idea e.V.)

eingegeben von: karsten
07. Mai 2004

Jede und keine Region


Gospelmusik wird immer populärer. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland einen wahren Boom der Gospelmusik. Immer neue Chöre werden gegründet – meist im weltlichen Bereich. Was bedeutet das für Christen? Ein Beitrag der Evangelischen Nachrichtenagentur idea e.V..


Gospelchor in Aktion

Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland einen wahren Boom der Gospelmusik. Immer neue Chöre werden gegründet – meist im weltlichen Bereich. Was bedeutet das für Christen? Der Gospelboom in Deutschland ist nicht so neu, wie man vielleicht meint. Die Gospelmusik ist schon seit den 60er Jahren sehr populär. Dies gründet sich auf die ungezählten kleinen und größeren Gospelkonzerte in Kirchen und Gemeindehäusern und auf die vielen Proben von einheimischen Gospelchören, die eine große Anziehungskraft entwickelt haben.

Obwohl die Gospelmusik in den Medien (Radio, Fernsehen) eher selten vertreten ist, ist sie doch die heimliche Liebe sehr vieler Menschen und hinterläßt bei ihnen tiefe Eindrücke. Gospelszenen in Filmen wie „Die Blues Brothers“ oder „Sister Act“ tun ein übriges dazu. Was also macht die Gospelmusik so attraktiv? Für Christen ist diese Frage deswegen wichtig, weil die Gospelmusik klar die Botschaft des Evangeliums transportiert. Könnte Gott in unserem Land einen Kanal zu den Herzen der Menschen geschaffen haben, über den die Botschaft Jesu vorurteilsfrei aufgenommen werden kann? Ich bin fest davon überzeugt! Einige Gründe, die uns die große Akzeptanz der Gospelmusik in Deutschland verständlicher machen, möchte ich nennen:

Die Musik: Neu und doch nicht fremd


Es ist wohl niemandem verborgen geblieben, daß die afroamerikanische Musik generell die Welt erobert hat: Jazz, Rock, Swing, Funk, Blues, Soul, Rap und viele Elemente der Popmusik. Eine der Urquellen dieser Musik wiederum ist die Gospelmusik. Sie ist gekennzeichnet durch das Zusammenwirken von europäischer Musik (Klassik, Hymnen, Marschmusik und Volksmusik) und der afrikanischen Musik (Gesänge, Einflüsse arabischer Musik und Tänze). Deshalb erscheint uns diese Musik neu und doch nicht fremd. Die Gospelmusik verbindet einfache Melodien, inspirierende Rhythmen und eine klassische Harmonieführung im Stil von Bach in genialer Art und Weise. Sie verbindet Altes mit Neuem bis hin zur Sprache. Sie zieht die Menschen generationenübergreifend in ihren Bann und vermittelt sowohl Freude als auch Tiefgang des christlichen Glaubens. Das spricht viele Bürger an, weil diese Musik weder als oberflächlich noch als niederdrückend empfunden wird.

Die Entstehung: ein befreiender Gott


Die Entstehung der Spirituals und Gospels ist eng mit der Vergangenheit der schwarzen Bevölkerung in Amerika verbunden. Die Sklaverei, die große Erweckung und die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King sind herausragende historische Ereignisse, die die Gospelmusik stark geprägt haben. Aufgrund dieser Entstehungsgeschichte assoziieren die Menschen den „Gott der Gospelmusik“ als einen befreienden Gott. Im Gegensatz dazu verbinden viele den „Gott der europäischen Kirchengeschichte“ mit einem beengenden Gott. Es ist ein Phänomen und gleichzeitig eine Chance, daß die geistlichen Texte der Gospellieder unverändert gesungen werden, obwohl nur wenige Gospelchöre in Deutschland aus bekennenden
Christen bestehen.

Die Inhalte: Freude in schweren Zeiten


Ganz einfach gesprochen ist der Hauptakzent der Gospelmusik Freude in schweren Zeiten. Diesen Akzent kennen wir auch aus unserem überkommenen Liedgut. Das Thema „Freude im Leid“ kennzeichnet die eigentliche Spannung eines Christen. Er glaubt an Jesus und an alle seine Zusagen, aber er erlebt und durchlebt Lebenssituationen, die völlig konträr erscheinen. Diese Spannung hat die Gospelmusik aufgegriffen, ohne den Glauben zu verleugnen oder andererseits das tägliche Leid fromm zu verdrängen. „I‘m going through“ (Ich geh‘ da durch), „Hold on“ (Halte daran fest), „Oh, Mary don‘t you weep“ (Du mußt nicht weinen, Mary) sind einige von vielen Liedern, die dieses Thema aufgreifen. Natürlich erschöpft sich die Gospelmusik nicht in dieser Thematik, aber gerade diese Themen beschreiben den Glauben sehr lebensnah, so daß sich etliche Menschen mit den Inhalten der Gospelmusik identifizieren oder zumindest identifizieren möchten, auch wenn sie noch keinen persönlichen Bezug zum Glauben haben. Da ist eine große Sehnsucht nach einem Gott, der durchträgt, auch wenn manch einer das Wort „Gott“ kaum in den Mund zu nehmen wagt. Welch eine Hilfe bietet da ein Song wie „Precious Lord, take my hand“ (Liebster Herr, nimm mich bei der Hand), der dem Sehnen eine Sprache gibt.

Predigt und Lied sind eins


Ein Aspekt kann uns bei der Verkündigung des Evangeliums sehr helfen. In der Gospelmusik gibt es keinen Unterschied zwischen dem gesungenen und gesprochenen Wort, was die Ernsthaftigkeit betrifft. Schon Martin Luther hatte das Anliegen, den Leuten seine Predigten in Liedform mitzugeben. Auch von Johann Sebastian Bach ist uns solches bekannt. Allerdings, reagiert in unserer Kultur ein Zuhörer auf ein gesprochenes Wort anders als auf ein gesungenes. Die heutigen Lieder sind überwiegend ein Ausdruck der Gefühle bezüglich bestimmter Situationen, Erlebnisse oder Sehnsüchte. Die Gospelsongs hingegen sind direkt aus dem Wechselspiel zwischen Prediger und Gemeinde entstanden. Sie sind gesungene Predigten. Ein Beispiel hierfür ist das Lied: „Go down Moses“ (Geh dorthin, Moses). Der Prediger erzählt die Geschichte von Moses und die Gemeinde antwortet mit: „Let my people go!“ (Laß mein Volk ziehen). Die Predigt kann sich jetzt in verschiedene Richtung fortsetzen. Da wird die Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, die Sünde zu verlassen („Go down Moses”) oder dem Teufel zu widerstehen („Let my people go“). Bei uns wird oft die Musik als ein vorbereitendes Element für eine evangelistische Predigt angesehen. Sie ist so eine Art timmungsmacher mit geistlichen Inhalten. Die Gospelmusik unterscheidet sich an diesem Punkt. Sie ist eine Predigt in sich und wird auch so verstanden. Hier liegt eine große Chance für uns, auf diese Weise die „Gute Nachricht“ zu verbreiten.

Für „deutschen“ Gospel


Zwei Dinge sind dazu notwendig: 1. Es sollte uns gelingen, Gospelmusik und deren Verkündigung in deutscher Sprache zu gestalten, ohne daß die ursprüngliche Wirkung verlorengeht. Gewiß kann man sich fragen: Wie soll das gehen? Ich kann nur sagen: Es geht! Zu unseren Gospelgottesdiensten, denen wir den Namen „Kirche goes Gospel“ gegeben haben, kommen genau die gleichen (vielen) Leute wie zu einem normalen Gospelkonzert. Wir singen englische Gospellieder, neugeschriebene deutsche Gospellieder und im Gospelstil bearbeitete Choräle, wie z. B. „Mir ist Erbarmung widerfahren“.

Sänger predigen lassen


2.Gospel gehört nicht ausschließlich in die Hand von Musikern, sondern auch in die von Predigern, Evangelisten und Pastoren. Dazu zwei Tips:
a) Lassen Sie einfach einmal einen Gospelchor ein Lied mit einer starken geistlichen Aussage während der Predigt singen – und geben Sie nicht gleich auf, wenn’s am Anfang noch komisch wirkt.
b) Bringen Sie den Solisten Ihres Gemeindegospelchores das Predigen bei, und legen Sie ihnen die Notwendigkeit der Verkündigung nahe.

Autor: Hans-Peter Mumssen

Hans-Peter Mumssen (50) ist Pastor im Christus-Zentrum Arche in Elmshorn, einer Gemeinde im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP). Er leitete verschiedene Chöre und Gospelprojekte. Von ihm sind im Projektion J Verlag die CDs „Worship and Gospel“ und „Pit Mumssen – Kirche goes Gospel“ erschienen.

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