27.10.2009, 02:32
Okay. Zeitgeist.
Das folgende ist meine persönliche Sicht, Ihr dürft mit mir streiten. Nur bitte nicht böse sein. ;-)
Ich habe mir gerade den für uns wesentlichen Teil der Doku im am. Originalton angesehen. Die wesentlichen Linien hat der Film nach meinem Wissen richtig dargestellt, auch wenn im Detail haarsträubende Fehler rein gerutscht sind -- wohl als Opfer zugunsten der geraden, einfachen Grundaussage. Die Realität ist etwas komplexer, aber wie gesagt -- die Grundlinien stimmen mit dem Stand der historischen Forschung gut überein.
Der Author zeigt, dass die umstrittensten Eckpunkte von Jesu Leben, Jungfrauengeburt und Auferstehung, bereits in viel älteren Mythen wörtlich so vorkommen, und glaubt darüber, dem Christentum den Boden zu entziehen. Das mag für den amerikanischen religiösen Fundamentalismus gelten, soweit er die Buchstaben der Schrift wörtlich nimmt. Dagegen hat meines Wissens weder die heutige katholische noch die evangelische Theologie mit den Aussagen ein ernstes Problem.
Unbeantwortet bleibt die Frage, warum Menschen seit (laut Doku) ca. 5000 Jahren immer wieder die gleichen mythologischen Grundmuster erzählen, aber genau hier liegt doch die spannende Frage verborgen: Was ist dran an dieser ewigen Geschichte?
Dieser Frage geht z.B. Joseph Campbell nach und gibt seine persönliche, aber auch eine empirische Antwort in der wunderbaren Gesprächssequenz "The Power of Myth" oder "Die Kraft der Mythen". Im Original handelt es sich um ein faszinierendes Interview der BBC von insgesamt 6 Stunden Dauer. Hier ein Anfang, eine erste halbe Stunde -- die weiteren Teile findet der interessierte Leser bestimmt selber im Internet:
http://www.veoh.com/browse/videos/catego...45sRzEyGZM
(Sorry, folks, das gibt's auf Deutsch nach meinem Wissen nur als Buch, aber das liegt auf meinem Nachttisch und ist toll!)
Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum eine Person, für deren historische Existenz es kaum mehr als ein paar Sätze in ungenauen Quellen gibt, die Menschen so fasziniert hat, dass sie ihn 2000 Jahre lang nicht vergessen konnten.
"Zeitgeist" stellt sich diesen essenziellen Fragen nicht. Statt dessen wird der Bohrhammer ausgepackt und munter am Stuckwerk der Religionen, vorrangig des Christentums, gemeißelt, im Glauben, die Religion zu pulverisieren. Für mich passiert etwas anderes:
Der Kern der Religion, für den es keine Sprache, sondern nur einen unbeholfenen Ausdruck in mythologischen Bildern gibt, wird freigelegt. Ich persönlich empfinde es als Befreiung, wenn mir gezeigt wird, dass ich die Texte nicht wörtlich nehmen darf sondern sie als inspirierte Dichtung lesen muss.
Und Jesus, von dessen historischer Existenz ich überzeugt bin, war und bleibt faszinierend als Lehrer und Vorbild in allen möglichen belangen -- der ja übrigens auch am liebsten in Dichtung gesprochen hat. Als Jude kannte er das Konzept des Unaussprechlichen, dem kein Name gerecht wird, und der sich nur "Ich bin" nennt, und spürte wohl, dass man mit geradliniger Sprache nicht zum Kern vordringen kann.
In diesem Sinne kann "Zeitgeist" meinen Glauben tatsächlich nicht erschüttern, aber er bläst viel Staub von der Oberfläche, und was zum Vorschein kommt, leuchtet um so mehr.
Grüße
-Karsten
PS: Irgendwo auf dem Netz gibt's bestimmt schon eine offizielle Liste der Unrichtigkeiten. Spaßig fand ich u.a. die aufwendige Darstellung der Bedeutung von Morgenstern, Sirius, den "drei Koenigen" im Oion, und dem Bezug zum Punkt der aufgehenden "neu geborenen " Sonne an 24.Dez. -- nur, wenn die Astronomen damals dem Zeichen im Osten gefolgt wären, wären sie eher in China als in Bethlehem gelandet. ;-)
PPS: Und das erwähnte Gilgamesh-Epos gehört nicht, wie suggeriert, zum ägyptischen kulturellen Erbe. Vielleicht fehlte den US-Filmemachern ein wenig der Mut, den Irak als Wiege eines unserer schönsten Mythen zu benennen.
Das folgende ist meine persönliche Sicht, Ihr dürft mit mir streiten. Nur bitte nicht böse sein. ;-)
Ich habe mir gerade den für uns wesentlichen Teil der Doku im am. Originalton angesehen. Die wesentlichen Linien hat der Film nach meinem Wissen richtig dargestellt, auch wenn im Detail haarsträubende Fehler rein gerutscht sind -- wohl als Opfer zugunsten der geraden, einfachen Grundaussage. Die Realität ist etwas komplexer, aber wie gesagt -- die Grundlinien stimmen mit dem Stand der historischen Forschung gut überein.
Der Author zeigt, dass die umstrittensten Eckpunkte von Jesu Leben, Jungfrauengeburt und Auferstehung, bereits in viel älteren Mythen wörtlich so vorkommen, und glaubt darüber, dem Christentum den Boden zu entziehen. Das mag für den amerikanischen religiösen Fundamentalismus gelten, soweit er die Buchstaben der Schrift wörtlich nimmt. Dagegen hat meines Wissens weder die heutige katholische noch die evangelische Theologie mit den Aussagen ein ernstes Problem.
Unbeantwortet bleibt die Frage, warum Menschen seit (laut Doku) ca. 5000 Jahren immer wieder die gleichen mythologischen Grundmuster erzählen, aber genau hier liegt doch die spannende Frage verborgen: Was ist dran an dieser ewigen Geschichte?
Dieser Frage geht z.B. Joseph Campbell nach und gibt seine persönliche, aber auch eine empirische Antwort in der wunderbaren Gesprächssequenz "The Power of Myth" oder "Die Kraft der Mythen". Im Original handelt es sich um ein faszinierendes Interview der BBC von insgesamt 6 Stunden Dauer. Hier ein Anfang, eine erste halbe Stunde -- die weiteren Teile findet der interessierte Leser bestimmt selber im Internet:
http://www.veoh.com/browse/videos/catego...45sRzEyGZM
(Sorry, folks, das gibt's auf Deutsch nach meinem Wissen nur als Buch, aber das liegt auf meinem Nachttisch und ist toll!)
Unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum eine Person, für deren historische Existenz es kaum mehr als ein paar Sätze in ungenauen Quellen gibt, die Menschen so fasziniert hat, dass sie ihn 2000 Jahre lang nicht vergessen konnten.
"Zeitgeist" stellt sich diesen essenziellen Fragen nicht. Statt dessen wird der Bohrhammer ausgepackt und munter am Stuckwerk der Religionen, vorrangig des Christentums, gemeißelt, im Glauben, die Religion zu pulverisieren. Für mich passiert etwas anderes:
Der Kern der Religion, für den es keine Sprache, sondern nur einen unbeholfenen Ausdruck in mythologischen Bildern gibt, wird freigelegt. Ich persönlich empfinde es als Befreiung, wenn mir gezeigt wird, dass ich die Texte nicht wörtlich nehmen darf sondern sie als inspirierte Dichtung lesen muss.
Und Jesus, von dessen historischer Existenz ich überzeugt bin, war und bleibt faszinierend als Lehrer und Vorbild in allen möglichen belangen -- der ja übrigens auch am liebsten in Dichtung gesprochen hat. Als Jude kannte er das Konzept des Unaussprechlichen, dem kein Name gerecht wird, und der sich nur "Ich bin" nennt, und spürte wohl, dass man mit geradliniger Sprache nicht zum Kern vordringen kann.
In diesem Sinne kann "Zeitgeist" meinen Glauben tatsächlich nicht erschüttern, aber er bläst viel Staub von der Oberfläche, und was zum Vorschein kommt, leuchtet um so mehr.
Grüße
-Karsten
PS: Irgendwo auf dem Netz gibt's bestimmt schon eine offizielle Liste der Unrichtigkeiten. Spaßig fand ich u.a. die aufwendige Darstellung der Bedeutung von Morgenstern, Sirius, den "drei Koenigen" im Oion, und dem Bezug zum Punkt der aufgehenden "neu geborenen " Sonne an 24.Dez. -- nur, wenn die Astronomen damals dem Zeichen im Osten gefolgt wären, wären sie eher in China als in Bethlehem gelandet. ;-)
PPS: Und das erwähnte Gilgamesh-Epos gehört nicht, wie suggeriert, zum ägyptischen kulturellen Erbe. Vielleicht fehlte den US-Filmemachern ein wenig der Mut, den Irak als Wiege eines unserer schönsten Mythen zu benennen.