Mahalia Jackson
Geboren wurde Mahala Jackson am 26.10.1911 in New Orleans, das "i" fügte sie erst 1929 in ihren Vornamen ein (Charles Fox, Cover zu Vogue VJD 537). Tony Heilbut gibt in den Booklets zu Spirit Feel/Shanachie 6004 und 6014 als Geburtsjahr 1912 an, diese Angabe dürfte ein Druckfehler sein. Sie ist das dritte Kind und hat zwei ältere und drei jüngere Schwestern. Mahalias Vater war Hafenarbeiter und Friseur und predigte sonntags in einer Baptistenkirche. Dort sang sie als Sechsjährige im Gemeindechor. Ihre Mutter verstarb als sie fünf Jahre alt war und sie wuchs bei ihrer, als fromm geschilderten, Tante auf. Die Schule beendete sie nach der achten Klasse und verdiente Geld als Wäschefrau. In New Orleans wurde sie musikalisch durch ihre Chormitgliedschaft und durch die Musik einer Holinesskirche in der Nachbarschaft beeinflußt. Sie bewunderte und hörte Bluesaufnahmen von Bessie Smith.

Mahalia Jackson verließ 1927 (Heilbut) bzw. 1928 (Lehmann) New Orleans und zog nach Chicago. Dort erlebte sie Bessie Smith in Konzerten. Sie arbeitete als Wäscherin und Bügelfrau, hätte sich aber gerne als Krankenschwester ausbilden lassen. In Chicago schloß sie sich der Greater Salem Baptist Church an, sang im Chor und mit einer kleinen Gruppe der Söhne ihres Gemeindepfarrers. Dieses Ensemble wird oft als "Johnson Gospel Singers" bezeichnet, richtig dürfte jedoch Heilbuts Bezeichnung "Prince Johnson Singers" sein, da der Begriff "gospel singers" damals noch nicht gebräuchlich war. Mit dieser Gruppe, die sich Mitte der 30er Jahre wieder auflöste, reiste sie nach New York und Kalifornien. 1936 heiratete sie Isaac Huckenhull, die Ehe wurde aber bald wieder geschieden. Huckenhull versuchte sie zum Bluessingen zu bewegen, was Mahalia Jackson entschieden ablehnte. 1939 eröffnete sie ein Friseursalon und später einen Blumenladen.
Erste Schallplattenaufnahmen entstanden am 21.5.37 in Chicago auf Decca: "God's Gonna Separate The Wheat From The Tares", "O My Lord", "Keep Me Every Day" und "God Shall Wipe All Tears Away". Zwischen 1939 und 1944 reiste sie mit Thomas A. Dorsey, den sie 1928 in Chicago kennengelernt hatte. Mahalia Jackson nahm nie Gesangsunterricht und konnte keine Noten lesen. Unter Dorseys Bekanntschaft kamen weitere Musikeinflüsse seitens Willie Mae Ford Smiths und Mary Johnson Davis hinzu.
Thomas A. Dorsey mit Mahalia Jackson, etwa 1935
(Fotos: Kathryn Dorsey and family.)
Neun Jahre nach ihren ersten Decca-Aufnahmen wurde sie vom kleinen Apollo-Label unter Vertrag genommen und nahm am 3.10.1946 (Lehmann) bzw. 1.10.1946 (Broughton), wahrscheinlich mit ihrer Cousine Mildred Falls am Piano, den Titel "I Want To Rest" auf. Am 12.9.1947 spielte sie "Move on Up A Little Higher" ein und dieser Rev. W.H. Brewster-Song wurde über eine Million mal verkauft. Mahalias Angabe, dieses Lied zusammen mit Theodore Frye publiziert zu haben, ist nachweislich falsch. Während dieser Zeit entstanden auch Duette mit James Lee. Mahalias Apolloaufnahmen zeigen sie von ihrer künstlerisch besten Seite, sie hatte freien Einfluß auf ihre Arrangements und Darbietungen. Bezogen auf die schwarzen Kirchen war sie andererseits nur eine von vielen Sängerinnen.
Als sie 1954 ein Angebot von CBS erhielt, war es ihre bewußte Entscheidung, zu diesem Label zu wechseln. Vor diesem Schritt frug sie John Hammond um Rat, der ihr antwortete, wenn sie zu CBS ginge, würde sie den schwarzen Markt verlieren aber auch mehr Geld verdienen können und Mahalia entschied sich für Columbia. Ihre Aufnahmen waren zunächst weiterhin ausdrucksstark und Organist Ralph Jones und Mildred Falls begleiteten sie. Später wurde sie künstlerisch stärker festgelegt, ihre Aufnahmen manchmal "overdubt" und es finden sich Einspielungen hart an der Grenze zum Kitsch. "Live" hingegen konnte man nach wie vor eine großartige, spontane Gospelsängerin erleben. Columbia vermarktete sie geschickt als "The World's Greatest Gospel Singer", ein werttloser Superlativ, da das weiße Publikum kaum Vergleiche mit anderen Gospelsängerinnen ziehen konnte, deren Aufnahmen überwiegend auf dem schwarzen Musikmarkt Absatz fanden.
Bereits 1950 gab sie in der Carnegie Hall ein Konzert; dort waren Auftritte schwarzer Künstler ungewöhnlich und entsprechen eine große Ehre für sie. 1952 erhielt sie einen französischen Schallplattenpreis und daraufhin folgte eine erste Europatournee, die sie nach England, Frankreich und Dänemark führte. In Chicago hatte sie seit 1954 ein eigenes Radioprogramm, dem 1955 eine eigene Fernsehsendung folgte, die jedoch aus rassistisch motivierten Gründen wieder abgesetzt wurde.
1958 trat sie beim Newport Jazz Festival auf und ihre Darbietung von "Didn't It Rain" bei strömendem Regen gehört zu den amüsanten Begebenheiten in ihrer Biographie. Eine weitere "lustige" Story schildert Heilbut: Während eines Konzertes mit James Lee, James Cleveland, Robert Anderson und Alex Bradford hatte sie Lee ihre Brieftasche zum Verwahren gegeben. Lee wurde jedoch vom Holy Ghost übermannt und Mahalia, die gerade sang, fürchtete um ihre Brieftasche. Folgender Dialog soll sich zugetragen haben:
Mahalia sang "Do you know prayer (Get the pocketbook Robert) changes things - child I know (Get the pocketbook James) - prayer changes things - I've been out (Alex, get my pocketbook) out on the stormy ... yes Lord (pocketbook, babies) raging sea..." Als Lee hinter die Bühne getragen wurde, verschwand Mahalia ebenfalls, erschien nach wenigen Minuten wieder mit Brieftasche auf der Bühne und meinte zum Publikum: "Es tut mir leid meine Lieben, aber der Spirit ist einfach über mich gekommen und ich mußte Euch für einen kurzen Moment verlassen!"
Zusammen mit dem Duke Ellington Orchester spielte sie 1958 Dukes Suite "Black, Brown And Beige" ein, bestand jedoch darauf innerhalb dieses Werkes, den 23. Psalm zu singen.
Mit dem Bus-Boykott 1955 in Montgomery/Alabama begann in den Staaten der Kampf der Bürgerrechtsbewegung gegen die Rassendiskriminierungen und Mahalia Jackson lernte Dr. Martin Luther King kennen. Sie sang am 17.5.1963 bei der Abschlußveranstaltung des Marsches auf Washington.
1961 folgte erneut eine Europatournee mit Mildred Falls, die sie auch nach Frankfurt (10.4.1961), Hamburg, Berlin, München und Essen führte. Daran schlossen sich ein Besuch beim Papst und eine Palästinareise an.
1964 heiratete sie den Musiker Sigmund Galloway, wurde 1967 wiederum geschieden und heiratete ihn erneut kurz vor ihrem Tode (Heilbut).
1967 lud man sie zur Einführung des Farbfernsehens auf die Funkausstellung nach Berlin ein und die Fernsehzuschauer sahen eine abgemagerte, kranke Frau, der das Mikrophon kurzzeitig entglitt. Ein weitere Konzert in Berlin mußte abgesagt werden. Am 4.4.1968 wurde Dr. King in Memphis ermordet und auf dem Begräbnis in seiner Heimatstadt Atlanta am 9.4.1968 sang Mahalia Jackson Kings Lieblingslied "Precious Lord". Weitere Auftritte in Berlin, Hamburg und Frankfurt folgten 1969. Sie hatte sich gesundheitlich erholt und präsentierte sich im Vollbesitz ihrer Stimme und Ausdrucksmöglichkeiten. Gwendolyn Lightner begleitete sie am Piano und Cleveland Clency an der Hammondorgel. 1971 folgten Tourneen nach Japan und Indien und wiederum Konzerte in Hamburg, Berlin und München; dort mußte sie ihre Tournee abbrechen.
Mahalia Jackson verstarb am 27.1.1972 in Evergreen Parks, IL und auf der Trauerfeier in Chicago fanden sich neben Bürgerrechtlern wie Ralph Abernathy und Coretta King und Künstlern wie Ella Fitzgerald, Ray Charles, Sammy Davis und Harry Belafonte die Gospelgrößen Clara und Gertrude Ward, Cleophus Robinson, Albertina Walker, Mildred Gay, Inez Andrews, die Staple Singers, Ernestine Washington, die Barrett Sisters, Robert Bradley, Rev. C.L. und Aretha Franklin, Thomas A. Dorsey und Sallie Martin. Robert Anderson sang, begleitete von Mildred Falls "Move on Up A Little Higher". Beerdigt wurde sie in New Orleans.
Preisgünstige CDs von Mahalia Jackson findet man überall und viele dieser Aufnahmen entstanden während ihrer Zeit mit Apollo.
Literatur:
- Viv Broughton: Black Gospel, Dorset, 1985 (ISBN 0713715308)
- Teddy Doering: Gospel, 1999 (ISBN 3761551215)
- Cedric J. Hayes, Robert Laughton : Gospel Records 1943-1969, 1992 (ISBN 0907872298)
- Tony Heilbut: The Gospel Sound, New York, 1985 (ISBN des Paperbacks von 1997: 0879100346)
- Theo Lehmann: Mahalia Jackson, Gospelmusik ist mein Leben, Berlin 1974 (ISBN der Ausgabe von 1997: 3761535716)
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