Precious Lord
Wie "Precious Lord" entstand
Janice Harrington hat mir diesen Artikel zugesandt. Im Original ist er englisch geschrieben und der Verfasser verwendet die Ich-Form. Folglich entsteht der Eindruck, daß Thomas A. Dorsey hier selbst seine Geschichte erzählt und möglicherweise stammt das Original auch von ihm. Ich habe den Text zusammengefaßt und übersetzt.

Thomas A. Dorsey mit Mahalia Jackson, ... und mit Sallie Martin,
etwa 1935 (Fotos: Kathryn Dorsey and family.)
"Damals, 1932, war ich 32 Jahre alt und frisch verheiratet. Mit meiner Frau Nettie lebte ich in einer kleinen Wohnung in der Southside von Chicago. An einem heißen Sommerabend im August mußte ich zu einem großen Revival nach St. Louis fahren. Ich wollte eigentlich nicht, denn Nettie war im letzten Monat ihrer ersten Schwangerschaft. Da mich jedoch dort viele Leute erwarteten, verabschiedete ich mich von ihr und verließ Chicago auf der Route 66.
Außerhalb der Stadt fiel mir ein, daß ich in meiner Aufregung meinen Musikkoffer vergessen hatte, drehte um und fuhr zurück. Ich fand Nettie friedlich schlafend vor. Irgendetwas an ihrem Bett sagte mir, ich solle bleiben. Dieses Gefühl verwarf ich jedoch und verließ das Haus.
Am nächsten Abend in St. Louis baten mich die Leute immer wieder erneut, zu singen. Als ich mich am Ende endlich hinsetzen konnte, kam ein Laufbursche und brachte mir ein Telegramm. Ich riß den Umschlag auf und las die Zeilen "Ihre Frau ist gerade verstorben". Die Leute um mich herum sangen und klatschten während ich zu weinen begann. Ich hetzte zum Telefon und rief zu Hause an. Am anderen Ende der Leitung vernahm ich "Nettie ist gestorben, Nettie ist gestorben". Zurück in Chicago, erfuhr ich, daß sie einen Sohn geboren hatte. Ich fühlte mich hin und hergerissen zwischen Trauer und Freude. Noch in dieser Nacht verstarb unser Kind. Nettie und der Junge wurden gemeinsam beerdigt. Danach war ich wie erstarrt und zog mich für Tage zurück. Ich empfand Gott als ungerecht, wollte ihm nie mehr dienen und keine Gospelsongs mehr schreiben. Ich dachte daran, in jene mir gut bekannte Welt des Jazz zurück zu kehren.

(Ma Rainey mit Thomas A. Dorsey am Piano)
Nachdem ich mehrere Tage alleine in der Wohnung verbracht hatte, begann ich mich zu fragen, woher der Gedanke gekommen sein könnte, mich von meiner Reise nach St. Louis zurückzuhalten und der mir riet, lieber bei Nettie zu bleiben. War es Gott? Hätte ich ihm doch mehr Aufmerksamkeit geschenkt! Ich wäre bei Nettie gewesen als sie starb. Trotz meiner Trauer beschloß ich, fortan mehr auf ihn zu hören.
Alle standen mir bei, besonders Prof. Frye, der wohl fühlte, was ich jetzt nötig hatte. Am folgenden Samstagabend nahm er mich mit in Malone's Poro College, einer Musikschule in der Nachbarschaft. Es war ruhig und die Abendsonne schien durch die Vorhänge. Ich saß am Klavier und meine Hände glitten über die Tasten. Dann geschah etwas: Ich empfand Frieden. Ich empfand, daß ich Gott berühren konnte. Ich spielte eine Melodie und der folgende Text kam mir in den Sinn:
"Precious Lord, take my hand,
Lead me on.
Let me stand,
I am tired, I am weak, I am worn,
Through the storm, through the night, lead me on to the light:
Take my hand, precious Lord,
Lead me home.
When my way grows drear,
Precious Lord, linger near,
When my life is almost gone,
Hear my cry, hear my call,
Hold my hand lest I fall:
Take my hand, precious Lord,
Lead me home.
When darkness appears,
And the night draws near,
And the day is past and gone,
At the river I stand,
Guide my feet, hold my hand:
Take my hand, precious Lord,
Lead me home."
So wie Gott mir die Worte und Melodie gegeben hatte, hat er auch mein Denken beeinflußt. Ich hatte gelernt, daß in unserer tiefsten Trauer und wenn wir uns ihm am Weitesten entfernt fühlen, er ganz nahe bei uns ist. Und so lebe ich bewußt und in Freude mit ihm bis der Tag kommt, an dem er mich nach Hause geleiten wird."

An diese Geschichte und den Songtext anschließend, mag ich einige bekannte Interpreten auflisten, die "Precious Lord" gesungen haben, jedoch mit der Gewißheit, daß diese Aufzählung keinesfalls komplett sein kann:
- Alphabetical Four (1938)
- Barrett Sisters (1983)
- Consolers (1969)
- Thomas A. Dorsey (1983)
- Jessy Dixon (1996)
- Five Blind Boys of Alabama (1957, 2002)
- Aretha Franklin ( 1958, 1972)
- Edwin Hawkins Singers (?)
- Heavenly Gospel Singers (1952)
- Mahalia Jackson (1956)
- Jackson Southernaires (?)
- Kings of Harmony (1946)
- Loving Sisters (1968/69)
- Sallie Martin Singers (1961)
- Brother Joe May (1950)
- Mitchell's Christian Singers (1940)
- Mavis Staples (1996)
- Soul Stirrers / Rebert H. Harris (1939)
- Sister Rosetta Tharpe (1941)
- Clara Ward Singers (1952, 1959)
- Marion Williams (1968)
- Marion Williams with Prof. Thomas Dorsey (?).
Als Einleitung zu dieser letztgenannten Aufnahme mit Marion Williams erzählt Dorsey die Geschichte von "Precious Lord" in seinen eigenen Worten.
Auch an die Aufnahmen von Little Richard (1959) und Brook Benton (1971) mag ich erinnern.
(Ob Dorsey wohl irgendwann vorher "So nimm denn meine Hände" gehört hatte?)
Diese Seite http://www.cyberhymnal.org/htm/p/l/pltmhand.htm bietet eine MIDI-Datei und Noten zum Download (*.nwc). -Karsten
Der Text "Damals, 1932" stammt aus einem Interview mit Dorsey aus dem Film "Say Amen, Somebody". Die Szene auf Youtube anschauen -Reinhard
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