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Von Paul Gerhardt bis Albert Frey: "Feiert Jesus 5" ist erschienen - "Versöhnung mit der Tradition"

Als der erste Band der erfolgreichen Liederbuchreihe "Feiert Jesus" erschien, wäre niemand auf die Idee gekommen, darin eine "Liturgie" abzudrucken und Choräle aus dem Evangelischen Gesangbuch aufzunehmen. Der Gesangbuchdichter Paul Gerhardt aus dem 17. Jahrhundert gehört schon seit geraumer Zeit zu den anerkannten Lobpreis-Autoren und ist in "Feiert Jesus 5" besonders reichlich vertreten (ca. die Hälfte der aufgenommen Gesangbuchlieder sind Paul Gerhardt-Lieder). Im Anhang dieses 5. Bandes sind gleich eine ganze Reihe "thematischer Liturgien" angeboten, außerdem traditionelle Texte aus dem Heidelberger Katechismus, das Apostolische Glaubensbekenntnis, Luthers Morgen- und Abendsegen und eine sehr traditionelle Beichtliturgie. Im Verzeichnis der "besonderen Liedarten" sind "liturgische Stücke" als eigene Gattung aufgeführt. Die "Versöhnung mit der Tradition" ist also noch weiter vorangeschritten als es sich schon in Band 4 abgezeichnet hat. Ich persönlich finde das positiv. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an ein Wort des Gospelmusikers Edwin Hawkins. In einem Konzert wollte jemand ein Lied von Johann Sebastian Bach vortragen. Bei manchen Chormitgliedern stieß das auf Ablehnung - schließlich sei es doch ein "Gospelkonzert". Edwin Hawkins aber sagte: "Wenn es von Jesus handelt, ist es Gospel"
Irritiert hat mich bei den Chorälen in "Feiert Jesus 5" allerdings die Tatsache, dass bei fast allen Gesangbuchliedern ein Gegenwartsautor als Bearbeiter genannt ist, obwohl die Veränderungen meist marginal sind (geringer als bei den diversen Gesangbuchrevisionen der letzten Jahre) und außerdem nur selten Verbesserungen darstellen. Auch bei der Strophenauswahl hatten die Herausgeber nicht immer eine glückliche Hand. Zwar wird kaum jemand heute bei einem Paul-Gerhardt-Lied alle Strophen singen wollen (unter zehn Strophen hat er ja kaum mit dem Dichten angefangen). Aber beim Lied "Die güldene Sonne" hätte unbedingt die Strophe dabei sein müssen, die das heute erst wirklich aktuell gewordene Thema "Heilung" aufgreift (EG 449, Vers 8: "...Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund")
Doch zurück zum Positiven: Erfreulich ist, dass die Lieder eine viel größere thematische Vielfalt aufweisen, als man sie bisweilen gerade der Lobpreismusik vorwirft, die angeblich in immer gleichen Formulierungen die "Herrlichkeit des Königs" besinge. Gab es in den vergangenen Jahren durchaus christliche Liederbücher, in denen das Kreuz Jesu praktisch nicht vorkam (das gilt leider am deutlichsten für "Mein Gospelliederbuch" aus dem Gütersloher Verlagshaus, das kein einziges "Passionslied" enthält), so wird das Leiden und das Kreuz Jesu hier keineswegs mehr ausgeblendet ("Ich komm zum Kreuz" Nr. 23 - "Dieses Kreuz vor dem wir stehen" Nr. 24, "In dem Kreuz liegt die Kraft" Nr. 27 - "Mann der Schmerzen" Nr. 31 u.v.m.). Allerdings sind die gewählten Formulierungen gerade bei diesem Thema größtenteils recht konventionell und selten geeignet, das Alte wirklich "neu" zu sagen und so auch wirklich neu ins Bewusstsein zu bringen.
Zum Stichwort "Versöhnung mit der Tradition" passt auch, dass anscheinend das Reformationsjubiläum seine Spuren interlassen hat: Viele Lieder lassen die "Allein"-Formulierungen Martin Luthers anklingen.
Eine thematische Engführung gibt es immer noch: Die Gottesliebe hat zwar zu Recht einen großen Raum in den enthaltenen Liedern, Lieder, die zur Nächstenliebe motivieren, sind aber nach wie vor kaum zu finden (mir ist bisher nur Lothar Kosses "Unser Licht wird leuchten" (Nr. 109) aufgefallen, außerdem noch "Nehmt einander an" Nr. 134 - aber schon das bezieht sich im Wesentlichen auf den Umgang innerhalb der Gemeinde),
Kann die "Gospelszene" nun etwas anfangen mit diesem Buch? Fangen wir mit einer Äußerlichkeit an: Wer englisch singen möchte, wird auch in diesem Buch reichlich fündig. Erfolgreiche Titel von Chris Tomlin, Brenton Brown (z.B. The Lion and the lamb), Stuart Townend (The power of the cross, Resurrection Hymn) und anderen werden mit englischem Originaltext und auf deutsch zugänglich gemacht. Kleine Beobachtung am Rande: Bei "the Lion and the lamb" (Nr. 72) ist im letzten gesungenen Takt des Refrains die Melodie anders als im auf youtube zu findenden Original notiert (was eine größere Abweichung als bei den "bearbeiteten" Chorälen darstellt, ohne dass hier ein "Bearbeiter" genannt wird ...) .
Nach meinem Eindruck ist aber die Produktion deutscher Lieder bzw. von deutschen Autoren besonders stark angestiegen (was für Gospelchöre kein Schade sien muss, da auch hier immer mehr die Scheu verloren gehtk, auch auf deutsch zu singen). Da das Liederbuch insgesamt 248 Lieder enthält, wird jeder etwas finden, was ihn anspricht.
Interessant für Gospelchöre: Gleich zwei Variationen des Klassikers "Amazing grace" sind zu finden ("Broken Vessels" dt: "Krüge aus Ton" Nr. 21 - in "bewährter Hillsong-Qualität") und, näher dran am Original, Chris Tomlins "Amazing Grace / My Chains are gone" Nr. 35 - dt. "Gnade für uns (Die Ketten sind los)". Gospelchören wäre es allerdings entgegengekommen, wenn öfters einmal wenigstens der Refrain dreistimmig ausgesetzt gewesen wäre. Das hätte keinen zusätzlichen Platz gekostet, da das in einem Notensystem möglich ist und es hätte dem Buch möglicherweise viele zusätzliche Nutzer erschlossen.
Fazit: Einigen Liedern aus diesem Buch wird man sicher in absehbarer Zeit auch in Gospelchören begegnen. Und die sehr guten und ausführlichen Verzeichnisse am Ende (nach Stichworten, Bibelstellen und nach Liedgattungen) helfen, für bestimmte Anlässe - auch für solche, für die Gospelmusik bisher "knapp" war - passende Lieder zu finden. Eine Anschaffung für den Chorleiter - zur Orientierung, was gerade "angesagt" ist - ist sicher sinnvoll. Eine Anschaffung für den ganzen Chor empfiehlt sich wohl nur für Singgruppen, die hauptsächlich einstimmig singen und vor allem Lobpreismusik im Repertoire haben.

geschrieben von Gospelwolf , vor 8 Tagen 1019:
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Erstellt am 12. November 2017 von Gospelwolf, letzte Änderung am 13. November 2017